Können Sie Ihr „geistiges Auge“ trainieren? Erkundung der Möglichkeiten der Aphantasia

7

Bei den meisten Menschen löst das Schließen der Augen eine mentale Diashow aus: das Zuhause ihrer Kindheit, ein roter Apfel oder das Gesicht eines geliebten Menschen. Doch für einen erheblichen Teil der Bevölkerung gibt es nur Dunkelheit. Dieses Phänomen ist als Aphantasie bekannt – das Fehlen eines „geistigen Auges“.

Während Aphantasie einst eine obskure neurologische Kuriosität war, ist sie in das öffentliche Bewusstsein gelangt. Mit der Ausweitung der Forschung stellt sich auch eine wachsende Gemeinschaft von „wenig visualisierenden Menschen“, die eine grundlegende Frage stellen: Ist das geistige Auge ein festes biologisches Merkmal oder ist es eine Fähigkeit, die trainiert werden kann?

Das Spektrum geistiger Bilder

Aphantasie ist keine Störung, sondern eine Variation in der Art und Weise, wie das menschliche Gehirn interne Informationen verarbeitet. Untersuchungen legen nahe, dass mentale Bilder in einem breiten Spektrum vorhanden sind:

  • High Visualizers: Kann nach Belieben lebendige, hochauflösende Szenen zaubern.
  • Geringe Visualisierer: Sehen Sie unscharfe Umrisse, flüchtige Farben oder dunkle Formen.
  • Aphantasics: Erleben Sie überhaupt keine visuellen Bilder und verarbeiten Sie Informationen stattdessen oft durch Fakten, Worte oder räumliche Wahrnehmung.

Wissenschaftliche Studien haben begonnen, über subjektive Beschreibungen – die unzuverlässig sein können – hin zu objektiveren Maßstäben überzugehen. Forscher haben beispielsweise herausgefunden, dass Menschen mit Aphantasie nicht die gleiche Pupillenerweiterung oder physiologische Angstreaktion zeigen, wenn sie sich helle, dunkle oder gruselige Szenarien vorstellen wie Menschen mit typischen Bildern. Dies bestätigt, dass Aphantasie ein deutlicher neurologischer Unterschied ist und nicht nur eine Frage der Art und Weise ist, wie Menschen ihre Gedanken beschreiben.

Die Suche nach „Heilmitteln“ und Training

Da der Begriff erst vor 16 Jahren geprägt wurde, steckt der Bereich „Bildschulung“ noch in den Kinderschuhen. Angetrieben von Online-Communities haben sich viele Menschen an inoffizielle Trainer gewandt, um zu versuchen, ihren visuellen Kortex zu „entsperren“.

Einer dieser Trainer, Alec Figueroa, hat mit Dutzenden von Auszubildenden gearbeitet und von „Durchbrüchen“ berichtet, die vom Sehen flüchtiger Farben bis hin zu kompletten Szenen reichten. Die wissenschaftliche Gemeinschaft bleibt jedoch vorsichtig.

„Keine Forschung hat Methoden zur Verbesserung der mentalen Vorstellungskraft vollständig bewertet“, warnt die Neurowissenschaftlerin Reshanne Reeder.

Während einige Einzelberichte auf Verbesserungen hinweisen, gibt es derzeit keine von Experten überprüften Beweise dafür, dass Training die Fähigkeit des Gehirns, visuelle Bilder zu erzeugen, grundlegend verändern kann.

Räumliches Bewusstsein vs. visuelle Details

Eine faszinierende Nuance in der Aphantasieforschung ist die Unterscheidung zwischen Objektbildern und räumlichen Bildern.

Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass das Gehirn zwei verschiedene „Ströme“ für die interne Verarbeitung nutzt:
1. Objektbilder: Die Fähigkeit, die Details, Farben und Texturen eines Objekts (das „Was“) zu sehen.
2. Räumliche Bilder: Die Fähigkeit, die Position, Bewegung und Anordnung von Objekten im Raum (das „Wo“) zu verstehen.

Viele Menschen mit Aphantasie punkten bei der räumlichen Vorstellungskraft. Sie „sehen“ vielleicht keinen Raum in ihrem Kopf, aber sie „wissen“ genau, wo sich die Möbel befinden. Dies erklärt, warum einige Auszubildende von einem gesteigerten räumlichen Orientierungssinn berichten – dem Gefühl des „leeren Raums“ in einem Raum –, ohne tatsächlich ein visuelles Bild zu sehen.

Das zweischneidige Schwert des geistigen Auges

Die Debatte darüber, ob Aphantasie „behoben“ werden soll, ist zutiefst polarisiert. Für manche Menschen, etwa diejenigen, die die Gesichter verstorbener Angehöriger sehen möchten, fühlt sich Aphantasie wie ein Defizit an. Für andere ist der Mangel an Bildern ein Schutzschild.

Zu den potenziellen Vor- und Nachteilen gehören:

  • Potenzielle Nachteile: Schwierigkeiten mit bestimmten Arten des autobiografischen Gedächtnisses und in manchen Fällen potenzielle „emotionale Abstumpfung“ oder abgestumpftes Einfühlungsvermögen.
  • Potenzielle Vorteile: Eine verringerte Anfälligkeit für PTSD-Flashbacks, visuelle Halluzinationen und aufdringliche, belastende mentale Bilder.

Für viele Aphantasiker ist ihre Denkweise kein Hindernis, sondern eine andere Art von Stärke, die es ihnen ermöglicht, sich stärker auf abstrakte Ideen und Emotionen zu konzentrieren, anstatt sich von einem ständigen Strom innerer Bilder ablenken zu lassen.

Fazit

Ob mentale Bilder ein starrer biologischer Bauplan oder eine flexible kognitive Fähigkeit sind, bleibt eine der faszinierendsten Fragen der Neurowissenschaften. Während kommende Studien von anekdotischem Coaching zu kontrollierten klinischen Studien übergehen, werden wir möglicherweise bald erfahren, ob das geistige Auge wirklich geöffnet werden kann – oder ob die Dunkelheit einfach eine andere, gleichermaßen gültige Art ist, die Welt zu sehen.