Er war ein psychologischer Tieftaucher. Das sagte Sigmund Freud Arthur Schnitzler in einem Brief an ihren gemeinsamen Freund, den Dramatiker Arthur Schnitzler. Freuds Einschätzung war brutal ehrlich und unerschütterlich. Es hat auch ins Schwarze getroffen. Rückblickend, 150 Jahre nach seiner Geburt, steht das Urteil fest.
Aber während seines Lebens? Die Kritiker hassten es.
Schnitzler schrieb im Wien des Fin de Siècle. Das Königreich Österreich-Ungarn war ein Ort, an dem Monarchie, Erbe, militärische Ehrenkodizes und strenge Moral das Sagen hatten. Der Einzelne spielte keine Rolle. Die Institution hat es getan. Als ein Arzt, der zum Schriftsteller wurde, anfing, sich mit diesen Werten auseinanderzusetzen, empfanden die Leute Anstoß. Das haben sie wirklich getan.
Der innere Monolog als Waffe
Schnitzler blickte nicht nur auf Charaktere. Er schaute in sie hinein. Er beschrieb ihre körperlichen Triebe. Ihre verborgenen Wünsche. Die Dinge, von denen die höfliche Gesellschaft behauptete, dass sie nicht existierten.
Dann kam Leutnant Gustl.
Die Novelle verwendete eine neue Technik: den inneren Monolog. Es legte die Ansprüche des österreichisch-ungarischen militärischen Ehrenkodex offen. Es offenbarte die Zerbrechlichkeit des Egos junger Offiziere. Die Reaktion war schnell und strafend. Sie entzogen ihm den Rang eines Reserveoffiziers. Er war sicher ein Arzt. Aber sein Privileg als Offizier? Gegangen. Weil er die Wahrheit geschrieben hat.
Dabei blieb es nicht.
Sein Stück Der Reigen (La Ronde) wurde später uraufgeführt. Es zeigte eine Kette sexueller Begegnungen über verschiedene soziale Schichten hinweg. Die damaligen Moralisten explodierten. Ihm wurde der Prozess gemacht. Die Anklage? Verursacht öffentlichen Skandal. Die Ironie ist so stark, dass man sie mit einem Messer durchschneiden kann. Er war Jude. Er war Arzt. Er war ein Künstler. Und er wurde dafür bestraft, dass er Sex beschrieb.
Trauer hinter der Tinte
Die Moralisten machten ihm das Leben schwer. Sie versuchten, ihn zum Schweigen zu bringen. Aber er hatte Verbündete.
Seine Künstlerfreunde blieben ihm treu. Eine wachsende Gemeinschaft von Lesern und Theaterbesuchern kaufte weiterhin Karten. Unter ihnen war Olga Gussmann. Sie wurde seine Frau. Sie hatten einen Sohn und eine Tochter. Sie war Teil seines Ankers.
Aber Trauer kann den Erfolg übertreffen.
Er hatte eine Frau namens Lili geliebt. Sie hatte jung geheiratet. Die Ehe scheiterte. Sie war erst 18, als sie sich das Leben nahm. Schnitzler erholte sich nie von diesem Verlust. Es beschattete ihn. Vielleicht blieb es in seiner Arbeit hängen. Es blieb auf jeden Fall in ihm hängen.
Er starb drei Jahre nach ihrem Tod. Eine Gehirnblutung. Das Ende eines Mannes, der zu viel gesehen und alles niedergeschrieben hat.
Warum er jetzt wichtig ist
Heute gilt Schnitzler als einer der einflussreichsten deutschsprachigen Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts. Er war nicht nur ein Geschichtenerzähler. Er war ein Diagnostiker der Seele.
Freud hatte recht. Schnitzler war ein psychologischer Forscher. Er verwendete lediglich Belletristik statt klinischer Notizen. Er zeigte uns, dass wir trotz der Medaillen und der Etikette immer noch nur Fleisch und Verlangen sind. Und Angst. Und Einsamkeit.
Deshalb lesen wir ihn immer noch. Nicht für den Geschichtsunterricht. Sondern weil er uns verstanden hat. Auch wenn Wien im Jahr 190